Schülerzeitung "Knorke"

Die Knorke ist die unabhängige Schülerzeitung der Christian-Wirth-Schule. Unter der Leitung der beiden neuen Chefredakteure Mike Enslin und Sebastian Krehl präsentiert sie sich in ihrer neuen Ausgabe als bunter Mix aus einer Diskussion über ein gewisses Titelthema (Drogen und Gewalt), Artikel über das aktuelle Schulgeschehen, Amüsantem und Berichten neuer Medien oder Veranstaltungen im Rahmen der heutigen Pop-Kultur.

Im folgendem Interview mit Dr. Wilfried Wagner, das im Sonderheft der Knorke anlässlich des Winterfests 2004 erschien, erhalten alle Schüler, Eltern, Ehemalige und andere Interessierte die Möglichkeit sich über die Wurzeln des Winterfests ein wenig genauer zu informieren:



Wer hat's erfunden?

(kre) Das Winterfest, es erfreut sich alle zwei Jahre der allergrößten Beliebtheit, doch kaum einer scheint zu wissen, seit wann und warum es überhaupt existiert. Unsere Quelle nannte uns in diesem Zusammenhang den Namen Wilfried Wagner, den wir gleich zum Gespräch baten. Folgendes hatte er zu erzählen:

Dr. Wagner, Sie haben das Winterfest erfunden?

Das ist so nicht ganz richtig. Das Winterfest gibt es seit Bestehen der CWS; in der Landwirtschaftsschule in der Neutorstraße hatten sie auch ein Winterfest. Aber der Schwerpunkt dieser Winterfeste war das Wiedersehenstreffen der Ehemaligen. Das Gasthaus Adler auf der Obergasse hatte früher einen sehr großen Saal hinten, und in dem Saal traf man sich. Es wurde ein Theaterstück aufgeführt, der Chor sang. Anschließend wurden die Stühle herausgeräumt und es war Tanz im Adler, und sowohl in der Sonne als auch im Adler war Bewirtung. Im Wesentlichen war das ein Wiedersehenstreffen der Ehemaligen. Wir haben das nun etwas anders gemacht. Es hing einmal damit zusammen, dass die Schülerzahl erheblich gestiegen war in den 50er-Jahren, auf über 400. Das war eine Traumzahl, denn in den 30er-Jahren hatte die CWS zu wenig Schüler gehabt und war froh, dass das Schülerheim da war. Dann stiegen die Schülerzahlen erheblich, das waren die starken Jahrgänge, und die Schüler fanden auf dem Winterfest gar keinen Platz. Die tickten da herum und das anschließende Zusammensein war im Grunde uninteressant für Schüler; die hatten keine richtige Möglichkeit sich zu entfalten und einzubringen. Und dann sind wir auf den Gedanken gekommen, dass Winterfest in die CWS zu legen. Dieser Gedanke ging tatsächlich von der SMV, Schülermitverwaltung sagten wir damals (Anm. der Red.: Also das, was wir heute SR nennen), aus, und ich war Schulsprecher. Beim letzten Winterfest im Adler, da wurde eine Show aufgeführt namens „Tanz durch drei Jahrhunderte“, die recht erfolgreich war. Danach gingen wir in die Schule, das war 1954. Da kamen also mehrere Sachen zusammen: Die SMV war damals noch sehr stark beeinflusst von den Gedanken der Reformpädagogik. Das war also einmal die Idee, dass die Schulgemeinde in Erscheinung tritt, also die Schüler, Lehrer und Eltern. Und die Einwohner von Usingen sollten natürlich kommen, es wurde ja ein Eintrittsgeld genommen. Das Theaterstück und der anschließende Tanz in Saal wurden beibehalten. Das war also sozusagen die Kontinuität und neu war eben, dass man in die Schule ging. Neu war jetzt vor allen Dingen aber auch etwas Anderes, nämlich dass die Klassen ihren Klassenraum nach eigenen Ideen verwandeln. Das sollte einmal eine Klassenleistung sein, zum anderen sollte da aber auch eben Fantasie entwickelt werden, und die Bewirtschaftung sollte von den Schülern selbst gemanagt werden.

Gab es keine Schwierigkeiten das durchzusetzen?

Nein, es waren alle dafür, auch die Lehrer. Es kam noch hinzu, dass in der Zeit gerade ein Generationsschub unter den Lehrern war. Da waren ganz neue Lehrer wie Herr Kippke, Frau Niemöller, Frau Zander und Herr Wolf. Die sind inzwischen alle pensioniert, aber vielleicht haben Sie noch von denen gehört. Die kamen alle gleichzeitig, das waren ganz junge Leute und die machten da mit. Auch der Vertrauenslehrer Herr Conrad.

Also ging das sofort ohne Probleme?

Es ging ohne Probleme. Es gab Arbeit, aber es gab eigentlich keinen Widerstand in dem Sinne gegen diese Idee. Es war ein spannendes Experiment, man wusste nicht wie es ausgeht, aber alle haben eigentlich mitgemacht.

Und am Ende waren alle so begeistert, dass es beibehalten wurde?

Genau, das ist ja bis heute beibehalten. Das ist ja bis heute ein Fest der Schüler, die Schüler verwandeln weiterhin ihre Klassenräume, dass man mal Gewohntes anders sieht. Wo sonst der normale Unterricht ist, blüht eine Fantasielandschaft auf. Und der dritte Punkt, den sollte man vielleicht auch erwähnen, waren die Einnahmen, der Umsatz. Ursprünglich war das als reines Non-profit-Unternehmen geplant Zeitweilig gab es auch die Idee, dass jede Klasse ihre Einnahmen behält und damit macht, was sie für richtig hält. Dann ist aber doch schon von Anfang an der Gewinn zusammengelegt worden und wurde für Gemeinschaftsaufgaben verwendet. Zum Beispiel die Theatervorhänge auf der Bühne in der Aula, die sind seiner Zeit von den Einnahmen des ersten Winterfestes gekauft worden; an einem Winterfest sind Vorhänge für alle Räume gekauft worden. So ist es bis heute: Mäßige Preise, aber ein kleiner Gewinn sollte doch gemacht werden. Das ist eigentlich alles, es sind diese drei Punkte: die Idee der Schulgemeinde, dann dass die Schulklasse ihren Klassenraum nach eigenen Ideen verwandelt und die Bewirtschaftung managt und dass die Einnahmen für gemeinsame Angelegenheiten aller Schüler verwendet werden. Tja, und aus irgendwelchen Gründen hat sich das 50 Jahre lang bis heute gehalten und ist ein Dauerbrenner geworden. Es war also nicht neu, nur die Verlegung in die Schule war das Neue an der Idee.

Dann vielen Dank für das Gespräch.

Prof. Dr. Wilfried Wagner ist heute 69 Jahre alt und lebt mit seiner Frau in Bremen, wo er an der Universität Geschichte und Politik lehrt. Vielen Dank auch an Jutta Beringer, ohne die dieses Gespräch nie stattgefunden hätte.