Von Alexander Schneider
Usingen.
Usingens altehrwürdige Lehranstalt, die Christian-Wirth-Schule (CWS),
steht alle zwei Jahre Kopf. Schule war gestern, jetzt ist Winterfest!
Sie öffnet sich dann für all jene, die einmal hier die Schulbank
gedrückt haben, als Tor zur Erinnerung an eigenes Bildungsbemühen.
Dieses mag im Einzelfall mehr oder auch weniger erquicklich sein, ist
aber so lange her, dass man es mit anderen, denen es vielleicht ähnlich
ergangen ist, erörtern und teilen mag. Das längst Kultcharakter
genießende „Weißt-du-noch-damals-Fest“ wendet sich vor allem an die
Ehemaligen, die der Einladung – wie am Samstag geschehen – in aller
Regel und für gewöhnlich in Scharen folgen, um sich entspannt in der
Menge der Gleichgesinnten zurücklegen zu können. Man genießt mit etwas
Abstand die Sport-Schau ebenso wie die Mord-Schau im Theater aus der
Feder von Curt Goetz, schaut beim Musikevent in der Bruchbude und in
der Blechbude mit der Galeria CWS vorbei: Wer sich solchermaßen
optisch, akustisch und leiblich gestärkt hat, begab sich auf die
Amüsiermeile.
Kurz vor der Schwelle, selbst auch zu
„Ehemaligen“ zu werden, legen sich die 11er, 12er und 13er noch einmal
so richtig ins Zeug, überschlagen sich förmlich mit Ideen, verarbeiten
ganze Ballen bunten Krepppapiers, zimmern, hämmern, nageln und kleben
tagelang. Schön und erinnerungswert soll’s sein, natürlich besser als
das letzte und auch das nächste Winterfest. Man strengt sich an,
schließlich weiß man, dass es vermutlich das letzte selbst gestaltete
Winterfest ist. In zwei Jahren ist man dann selbst der Gast. Die
Bemühungen, das backsteinerne Institut in eine lebhafte,
multikulturelle Gastromeile zu verwandeln, sind wieder einmal aller
Ehren wert und können gut und gern als eine Hommage an die, die vorher
da waren, durchgehen. Lehrer stoßen sich regelmäßig den Kopf, weil sie
angesichts der temporären Nutzungsänderung ihrer Arbeitsstätte beide
Augen zudrücken müssen. Die Feuerwehr achtet darauf, dass es bei aller
Dekoration nicht zu bunt zugeht. „Wiedersehen macht Freude“ – dieser
auch mit einer Spur von durchaus erlaubtem, ja erwünschten Wehmut über
die Endlichkeit der kollektiven Wissensvermittlung verwobene Grundssatz
– alle zwei Jahre lebt er völlig neu auf. Ehemalige CWSler, die etwas
auf sich und ihre alte Penne halten, müssen sich nicht extra
verabreden, sie treffen sich automatisch. Wer sie bei ihrem feiernden
Tun beobachtet, der bemerkt, dass viele mit erkennbarer Andacht zuerst
einem ganz bestimmten Raum und dort einem bestimmten Platz zustreben
und der Ehefrau, den Kindern oder Enkeln mit ein wenig Melancholie
verraten: „Hier hab’ ich gesessen!“
Über Teller- und Gläserrand hinweg wird Vergangenheitsbewältigung
betrieben, ach was, gelebt! Die Erkenntnis, dass Jahresringe nicht nur
bei Bäumen vorkommen, sondern auch auf den Hüften dereinst ranker und
schlanker Modellathleten, dass dort, wo mit den Jahren Verstand gereift
ist, auch bei den anderen Haare keinen Platz mehr haben, der Spiegel
also doch die Wahrheit sagt, all das wird auf verstopften Fluren, in
gnädig-schummrigen Kaschemmen und Pubs deutlich. Das trifft auch auf
die zweite Abteilung der Ehemaligen zu, denn auch die Lehrer zieht es
immer wieder an die Stätte früheren Wirkens zurück. Schließlich will
man wissen, was aus den Jungs und Mädels geworden ist. Es spricht für
den Geist der Christian-Wirth-Schule, wenn nach mühsamer Identifikation
des Gesprächspartners das vertraute „Du“ herausrutscht, der mühsam
Identifizierte es geschehen lässt und sogar ein wenig stolz darauf ist.
Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Taunus Zeitung/Frankfurter Neuen Presse, Tageszeitung für den
Hochtaunuskreis, www.taunuszeitung.de und www.fnp.de